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Perfekte Wirbel? - Perfection Pegs!

Seit vielen Jahren bewege ich mich als enthusiastischer Darmsaitenspieler sowohl in der Barockgeigen-, als auch in der Gambenwelt. Die Problematik schwergängiger Wirbel ist mir sowohl als Spieler und Instrumentenbauer sehr vertraut.

Mit jeder Gambe, die ich gemacht habe, wuchs in mir der Wunsch, dieser Aufgabe besser Herr zu werden. Im eigenen Consort war der Wirbel um die Wirbel häufig Thema, selbst wenn die von mir eingepassten Wirbel – frisch nachgeschmiert – ihren Mann standen! Und mal ehrlich, wenn die Stimmerei länger dauert als der Holborne danach, dann kriegen wir als Gambisten vielleicht keine Ungeduld (wir freuen uns ja über den Wohlklang der Stimmung, wenn sie dann da ist), aber das Publikum …? Mit den Worten „das ist doch das Ensemble, das immer länger stimmt als spielt“ kam mir neulich eine potentielle Besucherin eines Konzertes entgegen, als ich Sie zu einem Consortabend einladen wollte.

Seit einiger Zeit nun sind neuartige „Wirbel“ auf dem Markt, die das Problem der „Grobmechanik“ mit einer inneren Feinmechanik auf verschiedene Weise angehen.

Nur kurz möchte ich auf „Wittner Patentwirbel“ hinweisen – deswegen, weil für uns Plastikwirbelköpfe heute, da der moderne Gambenbau so viel Schönes hervorbringt, eigentlich außer Frage sind. Diese Mechaniken (sie sehen nur so aus wie Wirbel) sind mit einem Zahngetriebe (Untersetzung 8,5:1) in eben diesem Plastikkopf versehen. Das Stimmen ist traumhaft einfach und für moderne Schülergeigen sind sie ein Segen – als Ästhet habe ich damit allerdings auf Dauer wirklich ein Problem. Neue Saiten aufziehen ist bei der Untersetzung ein Geduldsspiel, allerdings wird die Stimmzeit auf ein Minimum beschränkt.

pegheads a 200Die dritte Patentlösung nennt sich „perfection pegs“ oder „pegheads“ und kann in unterschiedlichen Ausführungen von verschiedenen Herstellern aus den USA oder aus Australien geordert werden. Es gibt Standardausführungen (Vio/Va/Vc) und auch Spezialanfertigungen (Vdg, Violone, Laute, u.v.a.m.) mit verschiedensten Wirbelkopfmodellen aus Holz. Der Schaft bleibt vom Innenleben her gleich, sollte aber idealer Weise passend zur Wirbelkastenbreite bestellt werden.

Zur Funktion

skizze1Der Wirbelkopf ist das einzige Bauteil aus Holz und hier passiert durch die vielen verschiedenen Modelle die stilistische Korrektur gegenüber Plastikköpfen. Innen ist der „Wirbel“ mit einer bestechend simplen Untersetzung samt „Bremse“ ausgestattet (wie oft wünschen wir uns beim Stimmen „jetzt bitte nicht runterrutschen!"). Ein gezahnter Stahlstift, der im Wirbelkopf verankert ist, wird durch eine Metallhülse am Griffende und eine Kunststoffaufnahme am anderen Ende geführt. Dieser Stahlstift gibt die Drehung an kleine gezahnte Walzen weiter und diese wiederum an die Kunststoffachse des Wirbelmittelteils in dem das Saitenloch ist. Die Untersetzung ist 4:1, das bedeutet 4 Umdrehungen am Kopf entsprechen einer Umdrehung der Innenachse.

pegheads c 200Der Einbau erfolgt ohne Veränderungen am Konus eines Standardwirbelloches. Heute sind Gamben oftmals mit individuellen, handgedrechselten Wirbeln ausgestattet, die, um ein gutes Drehmoment zu erreichen, recht viel dünner als normale Cellowirbel sind. Für den Einbau der Patentwirbel müssen die Wirbellöcher auf das kleinste verfügbare Maß vergrößert werden. Für größere Löcher gibt es größere Patentwirbelschäfte. Mit einem für die Laufrichtung angepassten Feingewinde (links/rechts) greift die dicke Seite vom „Wirbel“ in den Wirbelkasten und hält sich dort fest (dieser Teil dreht sich beim Stimmen nicht!).

Benutzung

Die „Wirbel“ brauchen, wie alles Neue, eine kleine Eingewöhnungsphase für den Spieler. Sehr hilfreich, logisch zu bedienen und nahe liegend ist die „Bremse“ im Wirbelschaft. Durch leichtes herausziehen des Kopfes wird sie gelöst und man stimmt sehr locker. Nach erreichen der Stimmhöhe drückt man den Wirbel leicht in den Schaft hinein – fertig!

Fazit

Wenn man sich der „Neuzeit“ in Sachen praktische Wirbel hinwenden möchte, kann das inzwischen ohne große ästhetische Einbußen geschehen. Die Patent-Wirbel bieten hohen Komfort und beschleunigen den Stimmprozess erheblich. Schwache oder kleine Hände sind endlich kein Handicap mehr und stimmen macht plötzlich Spaß! Die auf den ersten Blick relativ hohen Anschaffungskosten zusammen mit dem Einbau sind absolut in Relation zu setzen zu einem traditionellen Wirbelsatz samt Einbau – die Zeit- und Frustersparnis ist allerdings kaum gegen Taler aufzuwiegen. Bemerkbare klangliche Veränderungen zum Negativen sind bisher nicht aufgetreten.

Ein Umbau will unbedingt mit einem Fachmann besprochen werden – er bestellt die gewünschten Patentwirbel und baut sie ein. Sehr ratsam ist es auch die gute Funktion der Obersattelkerben kontrollieren zu lassen, dann rutschen die Saiten optimal und sorgen so für gute Stimmung. Das Grundkapital für einen schönen Consortabend ist damit schnell erreicht und es kann losgehen!

Hagen Schiffler im August 2012